Die Talentlüge

Was ist eigentlich Talent? Gerade wenn es um Musik geht glauben viele, man bräuchte dazu eine Art göttliche Gabe, nämlich Talent. Wenn Sie aber erfolgreiche Musiker fragen, worauf sie ihren Erfolg zurückführen, dann werden Sie nie die Antwort bekommen: „ich habe eben Talent“!
Svjatoslav Richter hat es einmal sehr schön auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Ich spiele jeden Tag mindestens 6 Stunden Klavier. Wenn ich nur einen einzigen Tag nicht spiele, dann höre ich das schon. Spiele ich zwei Tage nicht, dann hört es mein Publikum. Und würde ich drei Tage nicht spielen, dann würde ich meinen guten Ruf verlieren!“
Worauf führt er also seinen Erfolg zurück? Richtig: auf den guten, alten, unromantischen Fleiß.
Wenn es also so etwas wie Talent gibt, dann ist dieses Talent keine göttliche Gabe, die einen Menschen in die Lage versetzt, besondere Leistungen zu vollbringen. Sondern Talent ist lediglich ein starkes Interesse. Man könnte auch sagen, es ist die Begeisterung für eine Sache, die dann dazu führt, dass ein Mann wie Svjatoslav Richter in der Lage war, ab seinem 4. Lebensjahr jeden Tag 6 Stunden Klavier zu spielen – und das bis ins hohe Alter.
Prof. Melcolm Gladwell hat in einer sehr überzeugenden Studie nachgewiesen, dass Menschen, die in einem bestimmten Bereich Spitzenleistungen vollbringen – ja sogar von anderen Menschen sogar als Genie betrachtet werden – im Grunde nur eines getan haben: sie haben sich sehr lange und intensiv mit dem Thema beschäftigt.
Prof. Gladwell hat herausgefunden, dass man ca. 10.000 Übungsstunden braucht, bis man in einem Bereich zu den Spitzenkräften gehört. Mozart begann mit drei oder vier Jahren Klavier zu spielen. Wenn er jeden Tag vier bis fünf Stunden gespielt hat, dann brauchte er etwa 7 Jahre, um 10.000 Übungsstunden zu erreichen. Also bis er etwa 11 Jahre alt war. Etwa in diesem Alter beginnt Mozart zu komponieren. Und auch hier weist Gladwell wieder die 10.000 Übungsstunden nach. Mozarts erste Kompositionen sind sehr unbeholfene Gehversuche. Die wirklich großen Werke (mit denen er dann auch seinen Durchbruch hatte) schreibt er erst, nachdem er bereits mehr als 10 Jahre komponiert hatte. Der einzige Unterschied zu den meisten anderen Menschen besteht darin, dass er schon mit sehr jungen Jahren angefangen hat.
Das gleiche Prinzip hat Prof. Gladwell auch für Computer-„Genies“ wie Steven Wozniack oder Bill Gates nachgewiesen, für Spitzensportler und in vielen weiteren Bereichen.
Die gute Nachricht lautet also: Sie brauchen kein Talent, um Musik zu machen. Es genügt, wenn Sie Spaß daran haben. Der Rest lässt sich erlernen, wenn Sie sich regelmäßig damit beschäftigen.

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